Der erste Stundenflug
von Clemens AhrendDas genaue Datum weiß ich nicht mehr, ich kann mich nur noch erinnern, dass an diesem Tage Ruth Brenner getauft wurde. Alle Flugschüler hatten ihre zwei Starts (Platzrunden) hinter sich. Um 13 Uhr kurzer Check des Doppelsitzers "Specht", des einzigen Flugzeuges, das wir damals hatten. Flugauftrag von Fluglehrer Hanusa und ab ging die Post.
Ausklinkhöhe 250 Meter. Linkskurve über dem Bauernhof, nochmal links und da ging es plötzlich mit 1 m/s Steigen nach oben. Ein halber Kreis Steigen und ein halber Kreis Fallen. Ein bißchen verlagern - voller Kreis 1,5 m/s Steigen. So etwas hatte ich bis dahin noch nicht gekannt. Von diesem Erlebnis gebannt hatte ich nur noch Augen für den Höhenmesser: 400 Meter - nach jedem Vollkreis 10 Meter höher. Über dem Fußballplatz war ich schon 500 Meter hoch. So hoch war ich nach dem Krieg alleine noch nie geflogen. "Hoffentlich komme ich mit dieser Höhe noch zurück zum Platz zurück," dachte ich bei mir. Früher war das mit diesen Flugzeugen gar nicht so einfach, Gleitverhältnis 1:18, jede Menge Luftwiderstand bei 120 km/h mit einem Sinken von 2-3 m/s und dabei noch Gegenwind.
Mittlerweile hatte sich das Steigen auf 2 m/s verbessert. Also weiter. Über Wershofen war ich nun 800 Meter hoch. Ich konnte sehen, wie Familie Brenner zur Kirche ging. Was Karl wohl gedacht haben mag, als er das Flugzeug über dem Dorf sah - ich weiß es leider nicht. In 1000 Metern war der Bart zu Ende. Also mit 100 km/h Fahrt und 1 m/s Sinken zurück in Richtung Flugplatz. Dort angekommen hatte ich noch 500 Meter Höhe zur Verfügung. Funkgeräte kannten wir damals nur vom "Hörensagen". Wenn die Kameraden unten am Start eine Kette bildeten bedeutete das "landen". Aber jetzt war keine Kette zu sehen. Aus Versehen (!) war ich wieder in einen neuen Bart geraten. Auf ein Neues. Über Wershofen hatte ich dann wieder 1000 Meter Höhe gewonnen. Der Bart war jedoch noch nicht zu Ende. Jetzt regte sich aber der Rhöngeist in mir. Ab nach Hause, die anderen wollten ja auch mal Fliegen.
Nach einer mehr oder weniger guten Landung gratulierten mir die Kameraden. Eine Stunde und zwanzig Minuten - das war der erste Flug hier in Wershofen, der länger als eine Stunde gedauert hatte. Es ist mir bis heute ein Rätsel, dass so ein Flug gelingen konnte, obwohl Karl nicht am Platz war.



