Die Erlebnisse von Gammler und Tümmler
von Jan BodenheimEs war einmal.. So fangen normalerweise nur Märchen und Sagen an. Manchmal geschehen aber auch wirklich Dinge, über die man sich in Jahren noch erzählt. So kam es, daß sich zwei junge, aber bereits auslandserfahrene Segelflieger - nennen wir sie, um ihnen weitere Probleme zu ersparen, mal Gammler und Tümmler - auf den Weg machten, um ihren Vereinskameraden ins Nachbarland Tschechien zu folgen. Natürlich nicht ohne Flugzeug. Die vereinseigene DG 300 war ihnen anvertraut worden. Die Fahrt wurde nicht langweilig. Der Weg quer durch die Mittelgebirgslandschaft Deutschlands stellte Herausforderungen. So sollte "Rollgolf" (72 PS GTD) die im Bergauffahren eingebrachte Energie bei der Talfahrt in Geschwindigkeit umsetzen. Der Motor wurde dabei ausgekuppelt, der Umwelt zuliebe. Nachdem sich der Gammler als Co anscheinend zu lange mit der Straßenkarte (1986er) beschäftigt hatte, beschloß man gemeinsam, den Umweg, den die Autobahn bei Würzburg macht, durch 90 Kilometer Landstraße zu umgehen. Um diese grobe Fehlhandlung zu erklären, kann man vielleicht die fliegerischen Urinstinkte heranziehen, die einen ja bekanntlich immer auf direkten Kurs (103°) zum Ziel treiben. Jedenfalls war der Zeitplan, den der PC ausgedruckt hatte, um eine Stunde nach hinten verschoben. Als dann die Nacht anbrach, diskutierte man, damit der Co ein Auge zudrücken konnte, die weitere Streckenplanung. Zitat Gammler: "Und wenn dann die Autobahnabfahrt 'Grenze CS' kommt, fährste ab!". Anscheinend gab es keine solche Abfahrt, denn man wartete vergeblich. Als er dann aber unplanmäßig Richtung Berlin steuerte, war das dem Tümmler schon ein wenig seltsam. Na ja, auf jeden Fall hatte man sich nach einer 170° Wende und 40 km Umweg an einem Grenzübergang zum Nachbarland wiedergefunden.
Mit Erleichterung fuhr man unter orangenem Laternenlicht auf das Wachhäuschen zu. Hier legten sie dem tschechischen Beamten alle nötigen Papiere vor. Bekamen sie aber leider nicht mehr zurück. Also Motor aus und aussteigen. Der Tümmler durfte rüber, der Gammler wurde mit einem Fingerzeig nach der Heimat geschickt. Sein Paß war seit 3 Monaten abgelaufen. Ups!!! Ein kurzer Gedanke an Bestechung ging ihm durch den Kopf ("Wollten wir nicht alles, was wir vergessen hatten, vor Ort kaufen?!?"), wurde aber schnell wieder verworfen. Außerdem läßt sich das bestimmt alles klären. Doch auch die deutschen Beamten sahen für unsere beiden Helden keine Möglichkeit als umzukehren. Noch mal 1000 Kilometer und 12 Stunden Fahrt zusätzlich??? "... Was ist denn, wenn wir's an 'nem anderen Grenzübergang noch mal versuchen?" "Vielleicht, wenn ihr Glück habt.", kam die Antwort. So drehte man wieder ab und fuhr in die dunkle Nacht. Ratlosigkeit hatte jede Unterhaltung zum Erliegen gebracht. Die darauf folgende Verzweiflung ließ die plötzliche Idee des Tümmlers wie eine befeuerte Landebahn im Nebel erscheinen: "Un watt is, wenn de dich im Hänger versteckst?" [...] Die Risiken mußte man in Kauf nehmen. Schließlich ging es um den Urlaub! Oder zumindest um zwei Tage, die man verlieren würde. Natürlich mußte man an einen anderen Grenzübergang, 25 km entfernt.
Grenzübergang Wieß, 0:43 Uhr ca. 5 km entfernt:
Ein Wagen hält im Dunkel am Straßenrand. Zwei Personen steigen aus. Sie öffnen den langen, weißen Anhänger.
Derselbe Ort, 0:45 Uhr:
Der Anhänger ist geschlossen. Eine Person steigt in den Wagen und fährt los.
Grenzübergang Wieß, 0:48 Uhr:
Wieder orange Laternen. Das Gespann hält an. Der Tümmler zeigt seinen Ausweis dem Zollbeamten. "Zeigen Sie mal den Fahrzeugschein und die Anhängerpapiere!". Auch das wird befolgt. "Was haben sie da im Hänger? Einen Segelflieger?". (Wie Recht sie doch haben) "Ja, ein Segelflugzeug.". Der Beamte hart: "Dann machen sie doch mal kurz auf!" Der Tümmler kleinlaut: "Ja klar. Kein Problem...". (Inzwischen hielt neben dem Gespann ein Streifenwagen, darin die Freunde vom ersten Grenzübergang...) Der Puls des Tümmlers erreicht allmählich die 150er Marke. Welche Gedanken müssen dem Gammler nun durch den Kopf gehen. Der denkt, daß es jetzt weitergehen wird. Im Gegensatz dazu öffnet sich der Flugzeughänger - fast wie von unsichtbarer Hand - und das orangefarbene Licht der Grenzbeleuchtung scheint durch das gepflegte Haubentuch der DG. Die Beamten handeln kurz entschlossen. Ein geschickter Griff am Textil und der Gammler wird sichtbar - die Hände krampfhaft vor dem Gesicht. Die inzwischen komplett versammelte Beamten-Manschaft verfällt in schadenfrohes Gelächter. Leider erscheint kein Harald Schmidt, der die Betroffenen von dieser peinlichen Situation erlöst. Auch kein Loch im Boden, worin man verschwinden könnte. Schnell kehrt der Ernst der Situation zurück und überkommt die Geächteten wie ein Alptraum.
Der Tümmler leise: "Datt kann net wahr sein. Ich glaub', ich krich die Krise." Gedanken wie "Gleich müßte ich eigentlich wach werden" oder aber "Ich Hornochse, wie kann man nur so blöd sein!" gingen den Beiden durch die Köpfe. Inzwischen wurde der Gammler aus dem Cockpit befohlen. Er brachte ein seltsames Lächeln unter der Plexiglashaube hervor, was nicht lange anhielte. Die Ausweise wurden einkassiert und der Beamte ging ohne ein klärendes Wort. Aus der Traum vom kühlen, schnellen und vor allem preiswerten Bier, von billigen F-Schlepps und langen, traumhaften Flügen im Gebirge???
Man mußte abwarten...
Grenzübergang Wieß, 1:35 Uhr:
Spekulationen über die Strafe reichten von Toilette putzen bis Einbuchtung im Kreml. Plötzlich verließ einer der Zollbeamten sein Blockhäuschen. Der Tümmler kleinlaut: "Wie teuer kommt uns das hier?". Der Beamte grinsend zurück: "Für sie so ca. 80 Mark, für ihren Kollegen wohl etwas mehr." Aha, also doch noch Schwein gehabt? "Also können wir jetzt weiterfahren?“. "Ja, sie kriegen gleich ihre Papiere zurück und dann drehen sie hier vorne.". Moment mal, wieso drehen? "Äh, wir dürfen nicht nach Tcheschien weiterfahren?". "Natürlich nicht!" .
Verdammte Scheibe! Alles für die Katz! - Was nun?
Man fuhr. Wieder wurden sich Gedanken gemacht. "Vielleicht solltest du zu Fuß rüberlaufen oder mit jemandem trampen." Aber man wollte nicht als Schweizer Käse unter der Erde landen. Außerdem bemerkten sie, daß die Polizei sie noch immer verfolgte. Deshalb beschlossen sie, die weiteren Manöver auf den morgigen Tag zu verlegen. Die Nacht bot wenig Schlaf. Morgens um sechs hieß es dann: ab zur nächsten Grenze, um nicht direkt wieder aufzufallen erst mal ohne Hänger. Das Passieren erfolgte ohne Probleme - zu viele ein- und ausreisende Pendler. -Endlich waren sie in Tschechien-, leider ohne Flugzeug. So mußte der Tümmler das Fluggerät wiederbeschaffen. An der Grenze gab es verwirrte Gesichter, als der schwarze Golf dieselbe Grenze zum dritten male, diesmal mit Anhänger, überquerte. "Wir hatten noch etwas vergessen", erklärte der Tümmler. Also doch: Bier und Fliegen in rauen Mengen!!!
Nach einem schönen Urlaub wußten zu Hause alle schon bescheid. Die Bild-Zeitung hatte es sich nicht nehmen lassen, über dieses Ereignis einen kleinen Artikel zu schreiben. Sie waren die Helden!
Die Rechnung dafür: zu zahlen 660 Mark - das rechnet sich nicht, wenn man in Urlaub fahren mag !
Und die Moral von der Geschicht': ohne Perso fahr' nach Tschechien nicht.



