Auf dem Hummerich
von Clemens AhrendEs war am 6.6.1942 auf dem Krufter Hummerich. Wie immer hatte ich bei meinem Lehrmeister bis 12 Uhr die Werkstatt aufgeräumt. Schnell meine Uniform angezogen und ab ging es im Laufschritt zum Bahnhof Bad Neuenahr - Fahrkarte kaufen - mit dem Zug 12:15 Uhr nach Remagen - Andernach - Kruft Ankunft 14:30 Uhr - kurzer Fußmarsch zur Flugschule. Um 15 Uhr antreten, abzählen (20 Mann eine Gruppe, 2 Gruppen 2 SG-38 und einen Fluglehrer.
Die Fluglehrer waren meist verwundete Kampfpiloten auf Genesungsurlaub. Wir schleppten die SG-38 zum Startplatz. Da mein Name mit 'A' begann, kam ich als erster dran. Das alles war genau geregelt: Pilot auf dem Sitz, nächster Starter an der Fläche, alle anderen verteilten sich je sechs Mann am Schwanz als Haltemannschaft und je sechs Mann links und rechts am Gummiseil. Der Fluglehrer stellte durch Zuruf das Höhenruder auf normal (Ziehen oder Drücken, denn der Schüler hatte vor sich ja nur einen schmalen Balken, an dem die Pedale waren, keine Haubenunterkante, die man zum Horizont ausrichten konnte). Die Kommandos gab der Pilot: "Haltemannschaft?" - "Fertig" - "Ausziehmannschaft?" -"Fertig" - "Ausziehen" - Laufen". Und wenn die Gummihunde (so nannte man die am Gummiseil) nicht mehr konnten, kam das Kommando "Los !". Die SG-38 sauste sodann mit der sagenhaften Geschwindigkeit von 50 km/h 2 Meter hoch auf das Landefeld zu, und wenn man dann länger wie 26 Sekunden in der Luft war und in dem vorgesehenen Landefeld von 50 mal 200 m bruchfrei landete, hatte man eine Bedingung für die A-Prüfung. An diesem Tag gelang mir das zweimal, und somit hatte ich alle fünf Bedingungen erfüllt und war stolzer A-Pilot.
Am Abend, wenn alle ihre Hüpfer (von Flügen konnte man ja kaum reden) hatten, schleppten wir immer eine SG ganz oben auf den Hummerich. Sozusagen als Belohnung für den Fluglehrer, damit er auch einen Lustflug machen konnte. An diesem Abend, ich weiß nicht warum, waren zwei SGs oben. Der Fluglehrer schaute in die Runde, zeigte auf mich und sagte: "Ahrend, du fliegst die SG runter.Oder hast du Angst ?" (Angst war ja wohl etwas, was ein Hitler-Junge nicht haben durfte). Um meine Angst nicht zu zeigen nahm ich wortlos Platz. Zum ersten Mal bekam ich einen richtigen Flugauftrag: "Du fliegst geradeaus in Richtung Niedermendig bis über die Flugschule, dann Steuerknüppel und Pedale nach links und wenn der Koret vor dir ist Steuerknüppel und Pedale nach rechts. Kurz vor dem Koret nochmal alle Ruder nach links und wenn die Schule vor dir ist alle Ruder nach rechts. Dann wirst du zwischen Koret und Schule unten sein. Nicht vergessen, immer schön Steuerknüppel nach vorn, die SG muss immer schön pfeifen (damals flog man noch ohne Instrumente, kein Fahrtmesser oder Höhenmesser noch Vario).
Wer die Startkommandos gegeben hatte, weiß ich heute nicht mehr. Auf einmal war ich über der Flugschule. Das war ja gar nicht so schwer, Ruder nach links, der Koret kam, der Fluglehrer hatte also recht. Nochmal links und die Flugschule kam auf mich zu. Drücken, das Pfeifen der Spanndrähte wurde immer lauter, die Schule und der Boden kamen immer näher. Vor Angst habe ich kurz vor der Schule gezogen und saß wohlbehalten ohne Bruch auf dem Dach, genau über der Kantine.
Der Fluglehrer bekam einen Anschiß vom Leiter der Flugschule, dem uns Alten gut bekannten von der Elz. Mich haben die Kameraden zum Flieger geschlagen. Dass ich mein Abendessen im Stehen einnahm und die Nacht auf dem Bauch schlief ist im Nachhinein nur noch Erinnerung.



