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Glück und Leid beim Wettbewerb

von Jan Bodenheim

Mainz-Finthen, 22.07. 2000, letztmöglicher Wertungstag. Das Wetter sieht nicht besonders vielversprechend aus. Gut für mich. Ich steh‘ auf Rang 4 in der Clubklasse, immerhin ein Qualifikationsplatz für die Deutsche Junioren. Schon gestern Abend sah es nicht so aus, als ob heute geflogen würde, und irgendwie habe ich mich von der typischen Campingplatzatmosphäre dazu verleiten lassen, den gestrigen Abend ausgiebiger wahrzunehmen als die darauf folgende Nacht.

Startaufbau beim Wettbewerb Das übliche Programm (Aufrüsten, Flugvorbereitung, Startaufstellung) wird mit großer Skepsis absolviert. Schon um 9:00 Uhr schießen einige Wolken in den Himmel, während anderen Orts die Luft absolut tot ist. Das bedeutet frühe Abflugbereitschaft. Die Clubklasse steht vorne. Also Hektik ohne wirkliche Überzeugung. Aber dann: Die ersten drei werden gegen 11 Uhr gen Himmel gezogen. Der Ausklinkraum ist einige Kilometer vom Platz entfernt. Sie treffen unterschiedliche Bedingungen an. „M“, derzeit auf Platz 1, meldet schwaches Steigen und Tendenz zur Abschirmung. Sein Verfolger Buddy (Platz 2) dagegen, trifft auf brauchbares Steigen. Er ist Sprecher der Clubklasse, empfiehlt den Start freizugeben.

Also doch fliegen. Nicht, dass es mir keinen Spass machen würde, aber irgenwie ist heute nicht mein Tag und ich hab nichts zu gewinnen, aber viel zu verlieren. Bevor ich mir weitere Gedanken machen kann, zieht die Morane mich in meiner ASW 15 über die Platzgrenze hinweg.

Nach dem Ausklinken ist das Steigen ist nur mäßig, und wenn ich mal einen guten Bart habe, muß ich darauf achten, dass er mich nicht in den Luftraum „C“ des Frankfurter Flughafens hebt. Also in möglichst guter Position warten bis der Abflug freigegeben ist. Mein Teampartner „DJ“ in seiner Hornet weicht mir bis dahin nicht vom Schwanz. Unser Mutterschiff, die ASK 21, sucht schon nach neuen Bärten vor und hinter dem Abflugtor. Über dem Abflugpunkt „Autobahndreieck Nahetal“ mühen sich 6-7 Fflieger an die maximal erlaubte Flughöhe von 5500 ft MSL zu gelangen. Wir sind auch dabei. Hart an der Grenze fliegen wir ab.

Erste Wende: Sobernheim. Das Zweierteam arbeitet perfekt wie schon am letzten Wertungstag. Die ASK musste für einen günstigen Abflug geopfert werden. Marc und Zac kreisen sie zwar im selben Bart wie wir, aber der Abflugpunkt muss erst noch von Ihnen umrundet werden. Einen Kilometer weiter treffen DJ und ich auf den ersten guten Bart. Niemand ist uns gefolgt. Beruhigt kann man einige Kreise ziehen. Die Hornet ist 50m unter mir. DIE HÖHE!!! Immer noch der Luftraum Frankfurt über uns. Den Knüppel nach vorne. Ich war drin. Aber DJ, immer noch 50m unter mir, sagt: „Das war save, Jan“. Ich glaub nicht dran. 0 Punkte, verdammt. Aber das hab‘ ich am 1. Wertungstag auch schon gedacht. Und hab‘ mich getäuscht. Da hab‘ ich mir gesagt: „Das passiert dir nicht wieder“. Und jetzt? Naja! Also weiterfliegen, weitergleiten‚ Richtung Sobernheim.

Zwei-, dreimal durchfliegen wir brauchbares Steigen ohne es mitzunehmen. Ich bin nicht richtig bei der Sache, die ganzen letzten 2 Wochen gehen mir durch den Kopf. Im Cockpit will es nicht richtig angenehm werden. Es scheint, als ob ich noch die schwülwarme Luft von vor dem Start drin habe. Die anvisierte Wolke zieht nicht. Auch DJ konnte nichts feststellen. Auf Kurs sind noch zwei weitere Wölkchen, aber danach sieht es mau aus. Wir fliegen vorsichtiger. Sobernheim liegt in einem riesigen blauen Loch. Die beiden Wolken bringen keinen Meter Höhe. Wenn das so weiter geht liegen wir hinter der Wende am Boden, denn auch auf dem zweiten Schenkel nach Neustadt sind die ersten 20 km blau. Soweit können wir nicht gleiten. Wir fliegen Sobernheim trotzdem an. Wenn ich hier lande, müsst ich mich auch nicht über einen Nuller ärgern. Wir haben erst 30 km geflogen.

Es zuckt im blauen, direkt überm Platz parken wir einsam mit 400m Höhe in einem Nullschieber. Wir sind nicht ganz allein. Eine Clublibelle kreist wenige Kilometer hinter uns in einem ebenso schwachen Bart. DJ ist nach dem langen Gleiten höher als ich. Er sucht und findet einen weiteren Nullschieber. Und doch gewinnt jeder irgendwie an Höhe. Ganz langsam. Ein Twin stößt zu uns, als die Bedingungen besser werden.

Endlich sind wir dicht unter einer Wolke, die sich gebildet hat. Wow, nach 25 Minuten! Ohne einen Kilometer zurückgelegt zu haben. Viel Zeit im Wettbewerb. Nur wenig tiefer stürzt die ganze Clubklasse-Meute in unseren Bart. Ich fliege ab.

DJ ist etwas früher weiter geflogen, konnte aber bisher nichts Gutes berichten. Vorm Pfälzer Wald finde ich ihn wieder, weit unter mir. Er muss sich mit einem Meter weniger Steigen zufrieden geben. Es ist auch nicht sein Tag. Der Abstand vergrößert sich, unser Team ist zerrissen.

Alleine überquere ich den Pfälzer Wald. Die Wolken entäuschen. Immer tiefer steige ich aus den Bärten aus, weil sie es nicht bringen. Der letzte Bart im Pfälzer Wald bring mir noch mal Höhe, um zur Wende zu kommen, denn dort sehe ich die Meute in niedriger Höhe einkreisen. Sie müssen weiter östlich geflogen sein. Dabei haben sie DJ einkassiert, der jetzt als tiefster dran hängt. Unser Höhenabstand hat sich nicht verändert. Gerne würde ich ihm jetzt helfen, mich revangieren für die ganzen Tage bisher, für die guten Bärte, die er mir gezeigt hat, für die Strecken, die er mit mir Fläche an Fläche geflogen ist, für die Entscheidungen, die wir zusammen gefällt haben, und für die besten Sprüche, die ich je aus dem krächzenden Bordlautsprecher gehört habe. Aber unser Höhenabstand ist heute zu groß.

Ich hänge mich an „M“. Am Rhein werden wir gebremst. „M“ nimmt mir im schwierigen Umfeld irgendwie 70 Höhenmeter ab. Ich versuch dran zu bleiben. Die Dritte Wende wird genommen. Jetzt müssen wir nach Dannstadt.

Unterwegs mit der ASW 15 Das ist eine Richtungsänderung von fast 170°. Und das es da nicht mehr so besonders ist, haben wir nicht nur schon vor der Wende beim Kreisen bemerkt. Auch unsere ASK21-Besatzung meldet, dass sie von dunkelsten Wolken aus Westen gejagt wird. Der Pulk hat sich inzwischen etwas minimiert. Vorsichtig fliege ich zusammen mit einer leicht gestaffelten 4er Gruppe in eine Richtung, wo schon kein Sonnenstrahl mehr die Erde erreicht. Westlich des Rheines sehen wir die letzten unscharfen Sonneflecken auf dem Boden, die tatsächlich für schwaches Steigen sorgen. Mittlerweile bin ich voll da. Der Flug reißt mich mit. Ich denke an nichts anderes mehr. „M“ meldet sich im Funk. Der Höhenabstand zwischen mir und seiner Libelle hat sich wieder verringert. Wenige Kilometer weiter sehen wir Buddy im diesigen Einerlei seinen Bart verlassen. Er ist höher als wir. Wenige Minuten später steigt er in gleicher Höhe wieder bei uns ein. Als dem Bart nichts mehr viel abzuholen ist, versucht er es nochmal. Ich bin dabei.

Wir kommen mit 950 m in Dannstadt an. Es nieselt bereits leicht. Buddy kreist ein. Eine zweite Libelle gleitet auf Kurs in Dunkle hinein. Buddys Bart bringt keinen Meter. Nach zwei Kreisen entscheide ich mich Richtung Worms zufliegen. Bis dahin kann ich abgleiten. Auf dem Weg kann ich vielleicht noch die BASF ankratzen. Es nieselt immer noch. „M“ fragt mich aus: „Was macht wer?“. Er ist in Dannstadt, als ich ihm von einer Pleite bei der BASF berichten muss. Es ist aussichtslos. Als ich mich damit abgefunden habe, in Worms landen zu müssen, steigert sich plötzlich der Ton des Varios kontinuierlich. Erst nach ein paar Sekunden kreise ich ein. Mitten im Regen trägt mich ein Bart, wie ich ihn den ganzen Tag noch nicht hatte, der der Nebelsuppe entgegen. Ich kann es nicht glauben wie gleichmäßig der Variozeiger im Positiven bleibt. Es steigert sich auf 4 m/s. Mißtrauisch und angespannt sitze ich im Flieger und warte auf Anzeichen einer Böenwalze, wie ich sie schon einmal machtlos miterleben musste. Aber nichts, nur der Regen steigert sich. Ich bin erleichtert, als die „R5“ in diesem Hammerbart erscheint. Auch Buddy hängt aufeinmal mit drin. Die sicht wird immer schlechter, aber wir nehmen jeden Meter mit. Den Abflug machen wir gemeinsam in die Richtung, wo wir am ehesten Licht vermuten. Nach 2 Minuten durch Nebelschwaden und Regen sehen wir die Sonne am Horizont auf den Boden treffen. Faszination, die man nur beim Fliegen erleben kann.

Außengelandet Wir sind alle drei auf Wettbewerbsfrequenz. Keiner hat die Hoffnung aufgegeben. In Alzey zuckt es schon wieder ein bisschen. Sollten wir etwa noch heim kommen? Man grast alles ab, kreist hier, versucht es da. die Ausenlande-Äcker sind schon sortiert. Ich fliege den flachen Südhang im Norden der Stadt an. Dadurch habe ich plötzlich 100m weniger Höhe über Grund. Auf dem Plateau ist ein Rübenacker. Der muss jetzt herhalten. Drei Minuten später staunen Buddy und ich über „R5“ der über der Stadt gerade 100 m gewonnen hat. Wir wünschen es ihm beide dass er es schafft, doch auch er wird bei uns landen.

Als wir gemeinsam auf die Rückholer warten, überschütten wir uns mit Begeisterung über den Flug, der hinter uns liegt. 20km vorm Ziel. Wir sind uns sicher: Keiner liegt vor uns. Besonders für mich war es eine Überraschung, wo ich doch so viele Tiefpunkte hatte. „O Gott, die Kontrollzone!!! Ich werde schwach.“ Jetzt muss es gut gehen. Der erste Tagessieg meines Lebens könnte davon abhängen! Ich sage nichts und hoffe nur noch.

Abschlussveranstaltung in Mainz:

Die Halle ist schon voll, als ich meinen Hänger abhänge. Es hat mal wieder länger gedauert. Wer am längsten fliegt, hat eben die wenigsten Rückholer zur Verfügung. Also musste ich mich selbst abholen. Danke Buddy, für’s mitnehmen!

Gegen 22:00 Uhr ist Siegerehrung, so nervös war ich noch bei keiner Vorherigen.

Platz 1: R5

Er hat auch `ne 15. Ich kann noch zweiter sein. Auf jeden Fall vor Buddy, der hat mit seiner LS-4 einen höheren Index. Also: Zweiter oder Letzter......

Platz 2: Buddy

Das war’s!! 0,000 Punkte.