Überland nach Frankreich
von Clemens AhrendAn einem Pfingstsamstag morgens um neun Uhr kam ich zum Flugplatz. Die Kameraden baten mich: "Flieg doch mal nach Frankreich, damit wir eine Pfingstreise machen können. Lobs und Otto sind gestern mit der Ka 7 bis Metz und zurück, aber du sollst dalLanden, damit wir dich holen können."Die Ka 6 wurde startklar gemacht, Instrumente: ein Höhenmesser, ein Fahrtmesser, ein Vario mit 10cm-Einteilung, ein Wendezeiger und ein Kugelkompass, halt, wo ist der Kompass? Der wird gerade aus der Ka 7 ausgebaut und kommt gleich. Einen Barografen brauche ich auch noch. Ich saß schon angeschnallt in der Ka 6, da brachte mir Otto ein Blatt aus einem Schulatlas, Frankreich 1:1.000.000.
Seil straff, fertig frei, ausklinken, Höhe 320 Meter, 10:30 Uhr. Über Ohlenhard 1 Meter steigen. Ab nach Frankreich. Beim Geradeausflug nochmals Kontrolle ob auch alles da ist (Papiere sind da, aber kein Portemonnaie, liegt im Auto. In der Brieftasche sind 20 DM Reserve). Zum Telefonieren müsste das reichen, also weiter. Die Bitburger fliegen heute nicht mit, mit 1200 Meter Höhe quer über den Platz. Jetzt etwas mehr rechts, dann kommt Trier. Trier kam, aber rechts baute sich ein Gewitter auf, was tun ? Am besten in Trier landen und die Ka 6 in Sicherheit bringen, aber erst mal über dem Platz parken. Wolkenuntergrenze 2500 Meter, was haben die denn da für bunte Striche auf der Landebahn, auf einmal bewegen sich die Striche. Verdammt, die haben Flugplatzrennen, also keine Landung. Auf einmal sieht das Gewitter nicht mehr so böse aus. Mit bestem Gleitwinkel in Richtung Metz, links an Metz vorbei in Richtung Rhonetal. Linker Hand konnte ich Saarbrücken erkennen, rechts war die Sicht sehr schlecht. Hinter Metz wurden die Berge höher. Östlich von Nancy (damals war dort noch kein Flughafen) kein Aufwind mehr zu finden, ich flog ein Stück zurück in der Hoffnung dort einen Bart zu erwischen. Über einer kahlen Fläche konnte ich mich in 300 Metern bei Null noch etwas halten. Bei einem abseits gelegenen Bauernhof mit sichtbarer Telefonleitung hatte ich mir einen Landeplatz ausgesucht. Als es mehrmals donnerte entschloss ich mich zur Landung, 14:30 Uhr Samstag.
Fläche gegen den Wind drehen, Sitzkissen auf die Fläche legen und drei große Erdschollen drauf. Wenn keine zu großen Böen kommen kann nichts passieren. Wo bleiben denn die Neugierigen? Kein Mensch kam, aber ein Hubschrauber landete und ein Militärpolizist forderte mich unmissverständlich auf einzusteigen. Nach drei bis vier Kilometer Flug, Verhör in der Kommandantur. Nach vielem hin und her und einigen Anrufen kam die Bestätigung, dass ich Leutnant bei einer deutschen Einheit der Französischen Militärpolizei gewesen war. Darauf hin konnte ich zu Fuß zurück zum Flugzeug laufen. Die kahle Fläche, über der ich gekurvt hatte, war streng geheimes militärisches Versuchsgelände.
Ein Gendarm wartete am Flugzeug auf mich und hat mir die Landung im Bordbuch und im Flugbuch mit Stempel bescheinigt. Von jetzt an begann mein Leiden. Bei dem Bauern vor der Tür stehend fragte ich "Sprechen sie Deutsch ?", er auf Französisch "Ich nicht weiß". Ich auf Französisch "Kann ich bitte telefonieren ?", er "Ich nicht weiß" und zeigte nach drinnen, sicher nur, weil der Gendarm noch hinter mir stand. An der Wand hing ein Feldtelefon mit Kurbel, so wie auf dem Flugplatz zwischen Start und Winde. Die Madame grinste mich an als wenn sie sagen wollte, mal sehen, ob er damit klar kommt. Nach drei Umdrehungen an der Kurbel meldete sich am anderen Ende eine freundliche Stimme, die sich bemühte, mein Französisch zu verstehen. Man vermittelte mich mit dem Fernamt in Metz, von dort nach Straßburg und weiter nach Koblenz, von Koblenz nach Wershofen Nummer 29. Anneliese hatte Telefondienst. "Hier Clemens, ich bin gelandet" "Wo ?" "Ach ja, pardon, wo bin ich hier, in Sankt Lucy." (in Frankreich gibt es 14 Dörfer, die so heißen)."Der Böhm und die anderen sind schon losgefahren und rufen von Trier aus an und fragen, wo du bist, damit sie dich noch vor dem Dunkel werden finden." Madame wollte 14 DM für’s Telefonieren haben, sie gab mir 6 DM zurück, seltsam.
Zehn Zigaretten hatte ich noch, also am Flugzeug warten. Es wurde langsam Abend, es wurde dunkel. Zwei Straßen, die die Mannschaft kommen musste, hatte ich im Blickfeld. Es wurde langsam kalt, ich setzte mich ins Flugzeug. Bei jedem Licht, das über die Straße kam, schreckte ich hoch. Plötzlich ein Gepolter: zwei Hasen sprangen an der Fläche rum. Dann wurde es wieder hell. Um sieben Uhr brachte mir der Sohn des Bauern eine Thermoskanne mit Kaffee und Cognac, mehr Cognac wie Kaffee. Er sagte noch "Bitte nichts der Mama sagen". Um zehn Uhr entschloss ich mich, die zwei Kilometer bis zum Dorf zu gehen und dort nochmal zu telefonieren. Am Ortsschild schrieb ich mir den genauen Namen und die Straßennummer auf. Bei einem Tante-Emma-Laden sass ein Mann in einem Rollstuhl, der mich in Deutsch ansprach. Er war in deutscher Gefangenschaft gewesen. Er vermittelte für mich eine Verbindung nach Wershofen. Karl am Telefon: "Böhm hat gerade aus Paris angerufen, er kann dich nicht finden. Er meldet sich in zwei Stunden nochmal." Ein Wershofener, der gerade bei Karl war, sagte dass er die Gegend kenne, da sei er im Krieg einmal auf Spähtrupp gewesen. Das Gespräch kostete nichts, ich bekam noch zwei Päckchen Zigaretten und ein Stück Wurst und ging zum Flugzeug.
Es wurde wieder dunkel und sehr kalt, ich war nahe dran, den Fallschirm aufzuziehen und mich darin einzuwickeln. Es wurde wieder hell und der Junge brachte mir wieder Kaffee. Montag abend um sieben Uhr kam der Bauer und sagte auf deutsch: "Kommen Sie mit und essen Sie mit uns, Sie tun mir leid, obwohl Sie Deutscher sind." Gerade hatte ich die Suppe gegessen, als die Mannschaft kam. Aufladen und ab zur Grenze. In Saarbrücken keine Probleme, obwohl Böhms Freundin keine Papiere hatte. Wir haben sie unter Decken versteckt. Im Jahr danach war ich mit meiner Familie in dem Dorf zu Besuch. Man erzählte mir, dass der Bauer den Leuten verboten hatte an das Flugzeug zu gehen. Er war kurz danach nach dem Süden verzogen.
Mit diesem Flug habe ich bewiesen, dass eine sorgfältige Flugvorbreitung reiner Blödsinn ist, denn der Erlebniswert ist ohne Vorbereitung höher !



